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Buddhas Lieblingsland - Off the beaten Track

Myanmar - Das Land der 100.000 Buddhas

Fauchend schießt die Flamme in die Hülle des Ballons. Gibt ihm gerade genug Auftrieb. Majestätisch langsam erhebt er sich in den frühmorgendlich grauen Himmel. Sekunden später gibt Bill, unser Pilot, das zuvor abgesprochene Kommando. „OK, guys, be ready for start – READY for start!“ Wir kauern uns auf die niedrigen Sitze weit unter dem Rand des Korbes. Einen Atemzug später sehen wir schon, wie der Boden unter uns kleiner wird. 3, 4 Gasschübe… schon sind wir so hoch über dem ausgedörrten Boden, dass wir weit über das Tempelfeld von Bagan sehen können.

Im Osten müht sich die rote Sonne durch den morgendlichen Dunst.

Eine Ballonfahrt über Bagan gehört zu den Highlights jedes Myanmar Besuchs. Bagan ist vielleicht die bekannteste Sehenswürdigkeit des an Attraktionen so reichen Landes Myanmar. In nur 200 Jahren errichtete das Volk der Bamar auf engstem Raum tausende von Tempeln – von der einfachen Stupa bis hin zu gewaltigen Sakralbauten – Kathedralen des Buddhismus.

Als 1287 die Truppen der Kublaj Khan in die Stadt einfielen, war ihr Schicksal besiegelt. Die einfachen Holzbauten der gewaltigen Stadt sind längst zerfallen. Zurückgeblieben sind die steinernen Zeugen des Glaubens.

Myanmar, Birma, Burma. "Das goldene Land", doppelt so gross wie Deutschland mit Grenzen nach Bangladesch, Indien, China, Laos und Thailand. Und doch mit keinem dieser Länder vergleichbar. Bis vor kurzem wurde Myanmar von einer der brutalsten und gierigsten Militärregierungen beherrscht. 2010 legte das Militär die Macht nieder. Es gab Parlamentswahlen, die die ehemaligen Generäle haushoch gewannen. Vor den Augen der erstaunten Weltöffentlichkeit brachten die nun ‚rechtmässig‘ gewählten neuen Machthaber weitreichende Reformen auf den Weg, entliessen politische Gefangene, lockerten die Zensur und erlaubten der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyie nach jahrelangem Hausarrest wieder politisch aktiv zu werden.

Fast jede Myanmarreise beginnt in der Hauptstadt Yangon. Dort steht das Nationalheiligtum, die Shwedagon-Pagode. „Shwe“ bedeutet Gold und der Name ist Programm. Der Stupa, in dem sich eine Haarreliquie Buddhas befinden soll, ist komplett mit Blattgold belegt (zur Renovierung teilweise abgedeckt) und seine Spitze beherbergt mehrere tausend Edelsteine – Gaben von Gläubigen, deren Gebete erhört wurden. Umgeben ist der Stupa von dutzenden prächtiger Tempel und Schreinen mit Buddhafiguren.

Die Gläubigen umrunden den Stupa im Uhrzeigersinn und verweilen an der Wochentags-Pagode, die ihrem Geburtstag entspricht. Dem dortigen Buddha werden Räucherstäbchen, Blumen und Obst dargebracht und dann wird er unter Gebeten und Wünschen mit Wasser übergossen.
Abends wird der Rundweg von Freiwilligen gekehrt, damit die Scharen von Besuchern auch am nächsten Tag ein sauberes Haus vorfinden.

2015 ist nach 2003 unser zweiter Besuch in Myanmar. Deshalb war unser Ziel diesmal, die versteckteren Orte zu besuchen, die sich dem Tourismus erst in den letzten Jahren geöffnet haben. Und so führte uns der Weg nach nur einer Nacht in Yangon nach Hpa-An, ungefähr 250 km südwestlich der Hauptstadt. In Deutschland eine Fahrt von vielleicht 2,5 Stunden, auf den Strassen von Myanmar dauert das aber mehr als doppelt so lange.

VIELE Buddhas oder GROSSE Buddhas scheint die Devise der Burmesen zu sein. So werden wir Tempel sehen, die zehntausende oder gar hunderttausende von Buddhastatuen beherbergen. Und Statuen, die so riesig sind, dass sie ganze Landstriche überblicken. Der Reigen beginnt in der Kaw Gon Höhle. Die 10.000 Buddhareliefs aus Ton sollen aus dem 15. Jh. stammen.

Nahe Hpa-An trifft man in verzauberter Landschaft auf eines der kuriosesten Heiligtümer: Kyauk Ka-Lat. Ein Fels, der sich wie eine verdickte Nadel in den Himmel reckt – natürlich gekrönt von einer goldenen Stupa (die wir Buddha sei Dank nicht erklimmen mussten).

Die Fahrt führt weiter in den Süden in Richtung der Provinzhauptstadt Mawlamyine (der Zungenbrecher wird ausgesprochen wie „Moolamain“).

In der Nähe eines unscheinbaren Dorfes muss man nur der Prozession der Mönche folgen, dann trifft man auf den liegenden Buddha von Win Sein Taw Ya. Mit 170 m Länge ist er einer der grössten der Welt.

Unser Reiseleiter berichtet, der Abt des nahegelegenen Klosters hätte von dieser Statue geträumt und begonnen, Spenden zu sammeln. Erfolgreich, wie man sieht. Im Inneren kann man auf vier Stockwerken lebensgrosse Figuren bestaunen, die Szenen aus dem Leben Buddhas darstellen.

Man kann sich die Dimensionen dieses Riesen aus Aluminiumplatten im Foto nur schwer vergegenwärtigen. Zum Glück ist die Figur noch nicht fertiggestellt und man sieht noch Bauarbeiter zum Grössenvergleich. So bekommen wir einen guten Eindruck davon, was es heisst, allein seine Zehennägel zu lackieren.

Und, wie das mit Träumen so ist: der eine Buddha ist noch nicht fertig, da hat der Abt schon einen neuen Traum, von einer neuen Statue; der Bau hat schon begonnen…

Mawlamyine hat eine lange Vergangenheit als wichtiger Seehafen der Mon. Die Mon sind eine von acht wichtigen Ethnien Myanmars und die ungelösten Spannungen zwischen den verschiedenen Volksgruppen überschatten die Geschichte des Landes. 1826 errichteten die Briten hier ihre erste Kolonialverwaltung. „By the old Moulmein Pagoda, looking lazy at the sea…“, dichtete einst Rudyard Kipling in seinem wehmütigen Lied „Road to Mandalay“.

Frühmorgens setzen wir mit einer lokalen Fähre über zur Ogre Island, einer vorgelagerten Insel mit mehr als 60 Dörfern. Es ist eng unter dem niedrigen Achterdeck, dem einzig schattigen Platz an Bord. Auch wenn wir die einzigen Langnasen an Bord sind: Kein Problem; man rückt eben ein wenig näher zusammen. Über Holperpisten geht es im Pickup durch tropische Vegetation zu mehreren Handwerksbetrieben. Kopfschüttelnd sehen wir, wie hier mit einfachsten Mitteln, Geduld und beeindruckendem Geschick Gebrauchsgegenstände hergestellt werden.

Aus vier Blättern Bambusrinde wird diese Dame in einer viertel Stunde einen robusten Tropenhut herstellen, der mindestens 2 Jahre hält und den man an vielen Orten des Landes im Einsatz sieht. Dazu verwendet sie nur Materialien aus dem Bambus und als Werkzeug eine rasiermesserscharfe Sichel.

Genauso einfach geht es beim Pfeifenmacher zu. Im Schneidersitz, an einer selbst gebauten Drechselmaschine, stellt er die edlen Pfeifenköpfe aus Tropenholz her. Die, wenn man unserem Reiseleiter glauben darf, schliesslich unter dem Namen Dunhill die Nobelboutiquen in den Weltmetropolen schmücken.

Ein weiterer Bootsausflug führt uns nach „Shampoo-Island“, einem kleinen Inselchen vor Mawlamyine. Ausgestattet mit einer berühmten Quelle, deren Wasser zur jährlichen Haarwasch-Zeremonie der Ava-Könige verwendet wurde, beherbergt es ein Kloster und Meditationszentrum. Ein friedlicher Ort voll verwilderter tropischer Vegetation, verwachsenen Pagödchen, Vogelpfeifen und Wassergeplätscher. Die Bäume hängen voll Cashewnüsse (das gelbe sind die Fruchtstände, die kann man nicht essen. Nur die braune Nuss am dicken Ende landet auf dem Couchtisch). Ein Platz, an dem man gerne länger bleiben möchte.

Ein Inlandsflug bringt uns 700 km weit nach Norden, nach Mandalay. Wenn Yangon die wirtschaftliche Metropole Myanmars ist, dann ist Mandalay die spirituelle. Sie ist mit 1 Million Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Landes, aber trotzdem wirkt sie sehr viel ländlicher.

Auch hier zieht es uns zu neuen Attraktionen, da wir die touristischen Plätze schon kennengelernt haben. Amarapura, ein Stadtteil Mandalays, ist Zentrum vieler Handwerkskünste.

Buddhastatuen entstehen in der Bronzegiesserei. Oder bei den Steinmetzen nur ein paar Strassenzüge weiter. Kostbare Wandbehänge werden von Hand nach komplizierten Mustern gestickt.

Blattgold, das die Kuppeln unzähliger Pagoden leuchten lässt, wird in einem unsagbar komplizierten Prozess geschlagen. Für etwa 2500 5 x 5 cm grosse Blättchen arbeitet ein Goldschläger 8 Stunden.

Eine weitere Attraktion Amarapuras ist die U-Bein Brücke, die längste Teakholzbrücke der Welt. Gleich am Beginn der Brücke haben wir noch eine ungewöhnliche, kleine Pagode entdeckt.

Mönche sind in Myanmar allgegenwärtig und selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens. Jeder junge Mann sollte vor seiner Heirat einige Monate als Novize im Kloster leben. Dann kann er sich entscheiden, ob er dem Kloster treu bleibt, oder ein weltliches Leben führt. Die Grenzen zwischen weltlichem und geistlichem Leben sind in den buddhistischen Traditionen durchlässiger als in den christlichen: Die Klöster stehen jedem offen, der dort einige Monate verbringen will. Und auch ein Mönch, der die strengen Gelübde abgelegt hat, ist nicht für den Rest seines Lebens gebunden. Er kann das Kloster auch verlassen und zu einem weltlichen Leben zurückkehren.

Von Mandalay aus geht die Fahrt nach Westen ins 135 km entfernte Monywa. Unterwegs machen wir Stopp in einem Dorf bei Pakokku, in dem die Räucherstäbchen für die Tempel in mühevoller Handarbeit von fröhlich-singenden Mädchen (während ihrer Schulferien!) hergestellt werden.

Während der Weiterfahrt erwartet uns noch eine weitere Attraktion. Ein Tempel mit über 500.000 Buddhas, die Thanboddhay Pagode. Von aussen eine Art Disneyland im Zuckerbäckerstil, im Inneren 10 Meter hohe Räume mit Buddhas, soweit das Auge reicht. Jeder kann hier etwas für sein Karma tun und eine Statue stiften.

Und ob das nicht reichen würde, noch einmal ein grosser stehender Buddha, der Laykyung Setkyar. 116 Meter hoch, die „Verzierungen“ in seinem Gewand sind die Fenster. Im Inneren kann man die Fotos vom Bau bestaunen – die ganze Figur war mit Bambus eingerüstet und die Einweihungszeremonie fand mit den höchsten Mönchen und Politikern des Landes statt.

Die letzten Tage haben wir kaum noch westliche Touristen gesehen und zu guter Letzt führt uns unsere Tour in noch abgelegenere Gebiete. Mrauk Oo (sprich 'Mrow U' oder 'Myow U' - je nach Rakhine oder Burmesischer Aussprache) liegt ganz im Südwesten des Landes und damit nahe an der Grenze zu Indien.

Da die Strasse gerade im Bau ist, fahren wir von Sittwe gut 5 Stunden den Kaladan-River hinauf. Eine meditative Reise durch eine grüne, fast menschenleere Landschaft. Der Fluss ist bestimmt zweihundert Meter breit. Man sieht Fischerhütten in weiten Abständen am Ufer, manchmal in weiter Entfernung eine Pagode auf einem Gipfel. Sonst gibt es nur das Tuckern des Motors und eine heisse, flirrende Weite. Erst nach Sonnenuntergang legen wir in Mrauk-Oo an, zum Glück direkt am Hotel, das uns mit einem erfrischenden Welcome-Drink erwartet.

Mit seiner strategischen Lage war es von 1430 bis 1785 eine der bedeutendsten Handelsstädte Südostasiens. Heute ist davon nur noch ein grösseres Dorf übrig. Geblieben sind, wie so oft, die Sakralbauten, die sich vom Stil deutlich vom restlichen Land unterscheiden. Wie viele der ethnischen Gruppen wird auch der Landstrich der Rakhine von der Zentralregierung des Landes vernachlässigt. Das erkennt man an der Armut und an dem schlechten Zustand der Baudenkmäler.

Zwei Tage bleiben wir in Mrauk-Oo und fühlen uns ein bisschen wir Forschungsreisende. Labyrinthische Tempel, halbzerfallene Statuen, viele Schätze, die noch unter dem Schutt der Geschichte verborgen sind. Unser Guide stammt aus Mrauk-Oo und kennt viele Geschichten von Königen und Prinzessinnen, Zauberern und Heiligen, die wunderbar an diesen Ort passen. Auch hier spürt man überall die Hoffnung auf mehr Touristen, auf bessere Strassen, auf ein bisschen Wohlstand.

Auf dem winzigen Provinzflughafen in Sittwe warten wir auf unseren Abflug. Es gibt keine Anzeigetafel, alles geschieht auf Zuruf. Jemand öffnet die Türe zum Rollfeld und ruft so etwas wie. „Aung nay thway, lay twin thar saw chit!“, was soviel heißt wie „your flight is now ready for boarding“. Verstehen tun wir das nicht – wir laufen halt den Einheimischen hinterher. Denn nun gibt es nur noch eine Destination für uns: den Strand von Ngapali. Kilometerlang, puderfein und „shwe“ (golden, was sonst?).

Ein paar Tage relaxen, 35 Grad im Schatten und immer ein kaltes Myanmar-Bier in der Nähe ;-)

Aber dieser Reisebericht soll nicht enden, ohne die Hauptdarsteller dieses Landes: die wunderbaren, freundlich-lächelnden (und beim Wasserfest zum buddhistischen Neujahr ausgelassenen und sehr nassen…) Menschen von Myanmar!

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