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Über den asiatischen Suppenschalenrand hinaus

Marokko!

Obwohl Afrika für viele ein "dunkler" Kontinent ist, verbindet doch fast jeder etwas mit Marokko. Tausendundeine Nacht, die großen Karawanen, geheimnisvolle Städte, labyrinthische Souks, Mittelpunkt französischer Kolonialherrschaft, Marrakech, Fes, Agadir und nicht zuletzt Casablanca – "Ich seh' Dir in die Augen, Kleines!"

Unsere Reise beginnt in Casablanca und macht zuerst einmal klar: Marokko ist ein islamisches Land. Hier steht die gigantische Moschee Hassan II, die zweitgrösste der Welt nach Mekka. Normalerweise können Ungläubige die Moscheen nicht besichtigen. Hassan II ist da eine Ausnahme. Man sieht eine Gebetshalle mit 20.000 Quadrat­meter Fläche die 25.000 Gläubigen Platz bietet. Allein die zugehörigen Waschhallen (Muslime müssen sich vor dem Gebet Arme, Füsse und Gesicht waschen) sind gigantisch.

Während Hassan II die einzige Moschee ist, die wir auf unserer Reise von innen sehen, öffnen uns die Medersen ihre Tore. Das Wort Medersa wird oft fälschlich mit Koranschule übersetzt. Die von phantasievollen Ornamenten überquellenden Hallen waren aber keine Grundschulen, sondern höhere Bildungseinrichtungen, in denen die besten Studenten des Landes den letzten Schliff bekamen, der sie zu den höchsten Ämtern im Staat qualifizierte – Post Graduate School, würde man heute vielleicht sagen. Hier lebten und lernten die Studenten von den besten Klerikern und Intellektuellen ihrer Zeit in märchenhafter Abgeschiedenheit.

Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen und deshalb soll der Mensch den Menschen nicht abbilden – im Islam sind bildhafte Darstellungen von Gott und Menschen verboten. Deshalb entwickelten die Muslime die Kunst der Ornamentik zur Perfektion. Überall sieht man die aufwendigen Fliesenmosaike an Böden. Wänden, Brunnen. Und die schönsten natürlich in den Medersen, wie hier in den traditionellen Farben der Stadt Fes, weiß und blau.

Die alte Königsstadt Fes ist so etwas wie das Varanasi Nordafrikas: die Stadt der Intellektuellen, Philosophen, Künstler und Geistlichen. Fast immer, wenn der König arabischer Abstammung war, war Fes seine Hauptstadt. Die Altstadt erfüllt alle Klischees: Hohe, nach außen hin abweisende Mauern, rissige Fassaden, blätternder Putz. Sobald man aber einen Innenhof betritt, steht man staunend vor plätschernden Brunnen, schattenspendenden Palmen und überquellenden Ornamenten. Die ganze Architektur hat das Ziel, die Hitze draußen zu halten und kleine Oasen der Kühle und Stille zu schaffen.

Die Souks, die Viertel der Händler, sind noch wie im Mittelalter nach Zünften geordnet. Die Schmiede, die Gerber, die Juweliere, die Schuhmacher, jede Gilde hat ihre eigene Gasse.
Alles, was hier entsteht sind Einzelstücke und Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Jeder Preis wird einzeln ausgehandelt und ein „guter“ Preis ist immer eine Win Win Situation die zum Ziel hat, dass sich am Ende alle gut fühlen. Jeder Händler will einem seine Ware zeigen, jeder will einen in seinen Shop locken und nicht selten ist ein hartnäckiges „nein“ notwendig. Aber keine Angst: niemand wird in einen Shop gezerrt und niemand verläuft sich rettungslos. Es gibt Wegweiser und an jedem Ausgang warten Taxis, die einen ins Hotel zurückbringen.

Nein, an dem Stand mit den Töpfen muss man nichts ablehnen – die werden nämlich gar nicht verkauft. Man kann sie ausleihen, z.B. für ein großes Fest wie z.B. eine Hochzeit. Und schmutzig zurückbringen. Das Schrubben übernimmt der Verleiher!

Über manche Gassen hat man als Regen– oder Sonnenschutz Riedmatten geworfen, so dass die höhlenartigen Werkstätten und Läden vom geheimnisvollen Schattenspiel verzaubert werden (bei uns war das Wetter in Fes leider nicht so sonnig).

Vollständig im Mittelalter fühlt man sich im Gerberviertel. Stand auf diesem Balkon im 15. Jahrhundert schon der Sultan Mulay Ismail und beobachtete die Handwerker? An der Tür zum Aussichtspunkt verteilt ein alter Mann Pfefferminzzweige – als Gegenmittel zu dem penetranten Geruch der Farb-Bäder (als Gerbstoffe werden Sude aus Walnussblättern, Eichen- und Kastanienrinde, aber auch Taubendreck etc. verwendet) und ich war zum ersten Mal froh, dass es ein ungewöhnlich kühler Tag war.

Marokko wird von mehreren Gebirgszügen mit Berggipfeln bis jenseits der 4.000 m durchbrochen Unsere Tage in Fes waren nass und kalt und so verwundert es nicht, dass wir bei der Überquerung des mittleren Atlas sogar Schnee hatten. Kurzzeitig fühlt man sich in die Schweiz versetzt: Häuser mit Giebeldächern, Touristen im Anorak.

Auf der regenabgewandten Seite des Atlasgebirges wird die Landschaft immer karger. Aus Bäumen werden Büsche, aus Büschen Steine, aus grün wird grau. Die Temperatur steigt mühelos über 30 grad und Schatten sucht man vergebens. Stundenlang fährt man auf kerzengeraden Straßen durch eine Mondlandschaft. Und plötzlich erreicht man einen Aussichtspunkt und sieht das Wunder einer Oase: üppiges Grün, das sich entlang eines Ober- oder unterirdischen Wasserlaufes zieht um an einer scharfen Grenze wieder in die staubige Trockenheit der Wüste überzugehen.

Im Lauf des lebensspendenden Wassers bauen die Menschen alles an, was sie benötigen. Es gibt hundert Dattelsorten und die Dattelernte im Herbst in von großen Festen begleitet. Wenn die Bewässerung funktioniert wachsen hier aber auch Gemüse und Getreide.

Entlang der Oasen geht die Fahrt weiter nach Süden Richtung Erfoud durch das Land der Berber. Hier zogen früher die großen Karawanen nach Mali und Mauretanien in Afrika, brachten Gold und Sklaven im Tausch gegen Salz und Stoffe. Die Städte hier waren wichtige Handelszentren und entsprechend reich.

Bei Merzouga trifft man auf die große Sanddüne, die einen spüren lässt, dass es bis zur Sahara nicht mehr weit ist.

Noch vor den Arabern wurde Marokko von den Berbern besiedelt. Auch heute noch ziehen Berbernomaden mit ihren Kamel-Herden durch die Wüste.

Die Hitze verbrennt die Erde zu Terrakotta und die Städte haben die Farbe der Wüste. Die Berber vermischen Lehm mit Kalk und Stroh und bauen daraus ihre Wehrdörfer, die Kasbahs. Von außen kolossale Mauern und Türme, innen verwinkelte Gassen, angelegt zum Schutz gegen die Hitze und gegen die Feinde. Viele Kasbahs sind nicht mehr bewohnt und verfallen, andere werden aufwendig restauriert. Einige nahe Quarzazate wurden von Filmproduzenten entdeckt. Wenn man heute einen Hollywoodfilm sieht mit Szenen aus Ägypten, Arabien oder Nordafrika kann man sicher sein, dass sie in Marokko gedreht wurden (z.B. Lawrence von Arabien, Kundun, Gladiator, u.v.a.m.).

Schon nach wenigen Tagen in der Wüste sehnt man sich wieder nach Farbe, nach Leben. Wie erst müssen sich die Karawanenführer gefühlt haben, wenn sie nach Wochen mit Hitze und Durst auf ihrer Reise in den Norden die Mauern von Marrakesch erspäht haben.

Marrakesch ist die Hauptstadt der Berberkönige, die Fes in nichts nachsteht. Die Stadt des Handels, des Kunsthandwerks, der Lebensfreude. Wahrzeichen und Ortientierungspunkt von Marrakesch ist das Minarett der Koutubia Moschee – Vorbild für alle Minarette in Nordafrika.

Einen Steinwurf von der Koutubia entfernt kommt man zum Platz Djemaa el Fna, dem Platz der Gaukler. Hier treffen sich jeden Nachmittag und Abend die Geschichtenerzähler, Schlangenbeschwörer, Musiker, Zauberer, Stehgreiftheater, Medizinmänner, Zahnausreisser, Wasserverkäufer, Affendompteure.

In den Reiseführern liest man viel über die Aufdringlichkeit der Gaukler, dass sie für jedes Foto "Bakschisch" verlangen. Das ist wohl wahr, aber man muss natürlich auch berücksichtigen, dass sie als "Schausteller" davon leben, fotografiert zu werden. Manche bezeichnen diesen Platz der Geköpften als die Seele Marokkos, wo man für kleine Münze Anteil an den großen Weisheiten Arabiens haben kann. Andere als Touristennepp. Vielleicht ist es ja beides. Die Touristen sehen wir, zur Weisheit fehlt uns die Zeit. Touristen wollen nicht zuhören, nur fotografieren, schreibt Tahir Shah in seiner Reiseerzählung "Der glücklichste Mensch der Welt: Meine Reise zu den Geschichtenerzählern Marokkos". Zuhören tun die Marokkaner, die die Theater- und Musikgruppen in Scharen umlagern und immer wieder Münzen in den Hut werfen.

Nach Einbruch der Dunkelheit müssen die Tiere vom Platz und dutzende von Fressbuden schlagen ihre mobilen Stände auf.

Hier kann man mit Augen und Gaumen einen Rundgang durch die Marokkanische Küche machen.
Was man zuerst kennenlernt, ist der Tee a la Berbere, Grüntee mit frischer Minze und einer Unmenge Zucker. Süss und heiß muß er sein und aus der metallenen Teekanne aus großer Höhe eingegossen werden, damit sich Schaum auf der Oberfläche bildet.

Das klassische Kochgeschirr ist eine glasierte Tonform, die Tajine. In ihr entsteht, im eigenen Saft gegart, das gleichnamige Gericht, ein Eintopf auf Basis von Lamm, Huhn oder Gemüse, manchmal mit Oliven und eingelegten Zitronen oder Mandeln und Trockenfrüchten verfeinert. Wird Weizengries mit gedämpft, so wird die Tajine zum Couscous. Dazu gibt es immer frisches Brot.

Auch beim Frühstück leistet die Tajine gute Dienste, z.B. um Spiegeleier zuzubereiten. Dazu isst man Pfannkuchen, Honig, Oliven und allerlei andere, leckere Sachen.

Auch in Marrakesch findet man eine Stadtmauer mit phantastisch verzierten Toren
(ok, Besserwisser, das Tor ist das Bab Boujloud in Fes. Aber es passt doch klasse hierher, das musst du zugeben)

und eine Altstadt mit verwinkelten Märkten.

Marrakesch mit seinen schwülen. kontinentalen 40 grad ist aber nicht das letzte Ziel unserer Reise*. Nach Norden führt unser Weg Richtung Atlantik, durch ausgedehnte Zedern und Arganienwälder. Arganien sind knorrige Laubbäume, die sich zwischen Marrakesch und Essouira über eine 800.000 Hektar große Fläche ausdehnen. Die gelben bis braunen Nüsse sind nicht nur beim Menschen zur Gewinnung des wertvollen Arganöls sehr beliebt, sondern auch bei den Ziegen, die sich als gute Kletterer erweisen.

* 40 grad sind für einen Marokkaner allerdings noch längst kein Grund, die kurzen Hosen auszupacken. Hemd mit Pulli und Jacke und die all-gegenwärtige Djellaba (ein traditionelles lang wallendes Übergewand, oft aus dickem Wollstoff), sieht man häufig bei diesen Temperaturen. Diese „Übergangskleidung“ gibt einem ein Gefühl, wie warm es erst im Sommer sein muss.

1506 gründeten die Portugiesen ein Fort an der Stelle der heutigen Stadt Essaouira. Deutlich spürt man den portugiesischen Einfluss: breite Strassen, weiß getünchte Häuser, offene Plätze. Dazu der Geruch nach Meer und Fisch, viel blau, eine Altstadt die den Charme des Verfalls mit Würde trägt. Es ist immer windig hier und die Möwen und Katzen sind die wahren Herrscher der Stadt. Hier möchte man gerne noch einen Tag bleiben und in den altertümlichen Cafés herumhängen, die schicken Restaurants erkunden und auf dem Fischmarkt den Fang des Tages bewundern.

In Agadir schliesslich kommen wir am Ende unserer Rundreise an. Agadir ist eine junge Stadt, die sich ganz dem Tourismus verschrieben hat. Kilometerlange breite Sandstrände, Hotelkomplexe, Clubs, Restaurants.

Fast am Ende der Promenade liegt die Villa Blanche, ein kleiner luxuriöser Riad mit Innenhof, einem Garten mit Swimmingpool, Hallenbad und Hammam/Spa und nicht zu vergessen einem exquisiten Restaurant mit Bar und märchenhaft üppigem Frühstück.

In den Brunnen schwimmen Rosenblüten, in den Vasen duften Lilien und abends werden hunderte Kerzen aufgestellt, die alles in ein romantisches Licht tauchen.

Mehr wollten wir jetzt auch nicht mehr. Wir liegen am Pool und denken über Marokko nach: ein erstaunlich modernes, sauberes Land, gute Straßen, disziplinierte Fahrer, weltoffener Islam, eine Jahrtausende alte Kultur, elektrifiziertes Mittelalter, Bettler, Armut, Frauen im Mini, mit Kopftuch und in der Burka, Eselkarren und Porsche Panamera, das immer wiederkehrende Gefühl, dass man sich auf Reisen einem Land zwar nähern, aber es nie wirklich verstehen kann. Der Reiseführer spricht von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen", die man hier spüren kann. Dieses Gefühl mag es auch in anderen Gegenden der Welt geben. Aber dort ist es (wie z.B. in Indien) nur in Verbindung mit viel mehr Härte zu haben.

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